So gehen die IT-Verantwortlichen von Freudenberg, Lantiq, Mainova, Modine und Swarovski mit Eigenentwicklungen um

22.08.2016 16:41

Eigenentwicklungen werden in SAP-Systemen verwendet, um die Standardsoftware auf die individuellen Bedürfnisse eines Unternehmens anzupassen. Das ist gut, solange diese Eigenentwicklungen einen wirklichen Mehrwert liefern. Denn eines ist klar, sie verursachen auf jeden Fall Kosten und Mehraufwände. Die Realität sieht jedoch anders aus.

Eine Untersuchung des Analysten West Trax von über 1.500 SAP-Systemen belegt: Der Anteil an Eigenentwicklungen in SAP-Systemen ist mit durchschnittlich über 36 Prozent sehr hoch.

Entsprechende Detailanalysen zeigen deutlich, dass deren Einfluss auf das operative Geschehen eines Unternehmens häufig sehr gering ist. Um nicht den Mehrwert einer Standardsoftware zu verlieren, stehen Entscheider also vor der Aufgabe, die Sinnhaftigkeit und Mehrwerte von Eigenentwicklungen zu prüfen.

So führen gewachsene Landschaften häufig dazu, dass viele Eigenentwicklungen schon längst in Standard hätten rücküberführt und damit unnötige Kosten hätten vermieden werden können. Auch ist es keine Seltenheit, dass nicht mehr genutzte Eigenentwicklungen zeit- und kostenaufwendig gepflegt werden. Da besonders im Hinblick auf eine Konvertierung nach S/4HANA und dem damit verbundenen Aufwand für Eigenentwicklungen das Thema aktueller denn je ist, hat West Trax IT-Verantwortliche dazu befragt:

Thilo Liebermann, Executive Manager Freudenberg IT: "Wir legen den Fokus auf den Einsatz von Standardfunktionalitäten. Um die teilweise darüber hinaus notwendigen Eigenentwicklungen bestmöglich transparent zu machen, haben wir innerhalb der Freudenberg IT adäquate Prozesse etabliert. Bereits im regelmäßig mit den Fachbereichen durchgeführten internen, globalen IT-Requirement-Prozess wird bei der Bewertung von erforderlichen regulatorischen Anpassungen oder geplanten Optimierungsprojekten der Aspekt Standardlösung versus Eigenentwicklung berücksichtigt. Sollten Eigenentwicklungen beziehungsweise Veredelungen Mehrwert bringen, so werden diese im internen Change-Management-Prozess als solche angezeigt und entsprechend dokumentiert. Auch ein konsequentes Test Management, entsprechende Freigabe-Stufen und die Sicherstellung einer inhaltlichen Übergabe in den Regelbetrieb sind Bestandteile dieses Prozesses, bevor Eigenentwicklungen produktiv gesetzt werden."

Jochen Siegle, Lantiq Head of IT Business Applications: "Eigenentwicklungen sollten wirklich nur zugelassen werden, wenn sie der Wettbewerbsfähigkeit des Unternehmens dienen und kein vergleichbarer Standard verfügbar ist. Wir haben sehr gute Erfahrungen mit den SAP-Analysen von West Trax gemacht. Zum ersten Mal waren wir in der Lage, konkrete Aussagen zu den Themen Standardisierung und Nutzung von Eigenentwicklungen zu machen, was auch zu einer hohen Sensibilisierung auf Fachbereichs- und IT-Seite geführt hat."

Kurt Trillsam, IT Director Modine Europe: "Leider zeigt die Erfahrung, dass zum Teil vehement geforderte Erweiterungen über die Zeit gesehen ein eher kümmerliches Dasein fristen. Um unnötige und unkalkulierbare Kosten zu vermeiden, bleiben wir bei den ausgereiften SAP-Systemen möglichst eng am Standard. Dies gilt nicht nur für die europäischen Standorte, auch in Asien haben wir bis auf die üblichen landesspezifischen Anforderungen unseren Standard ausgerollt."

Philipp Lübcke, Bereichsleiter IT Mainova AG, setzt auf konsequenten Rückbau von SAP-Eigenentwicklungen: "Mainova hat durch die umfassende West-Trax-Analyse aller Eigenentwicklungen auf den führenden SAP-Systemen viele Potenziale zur Bereinigung und Optimierung erkannt und sukzessive umgesetzt. Insbesondere im SAP IS-U beziehungsweise im IDEX-Umfeld wurde ein Rückbau eingeleitet. Auch im SAP CRM wurden alle Modifikationen identifiziert und deren Notwendigkeit hinterfragt. Gerade im Zusammenhang mit der Auslieferung von EHP bietet sich die Chance zur Bereinigung und Verwendung von Standardfunktionen."

Max Braun, CIO Swarovski KG: "Es besteht kein Zweifel, dass jede Modifikation von Standardsoftware zu signifikanten Folgekosten führt. Die Kunst zu erkennen, wo Prozessoptimierung durch Anpassung von Standardsoftware tatsächlich zu einem Wettbewerbsvorteil beziehungsweise wahrgenommenen höherem Kundennutzen führt und wo es nur nice-to-have ist, hat viel mit Erfahrung über die Folgen, gegenseitigem Vertrauen und Out-of-the-box-Denken zu tun. Es ist auch weniger ein technisches als ein Kulturthema. Wie immer gilt es zu erkennen, wo ein Prozent mehr Investment den entscheidenden Unterschied machen und wo 80 Prozent Lösungen gut genug sind. Die Herausforderung hierbei ist, dass in IT-Implementierungsprojekten unzählige Entscheidungen auf den unterschiedlichsten Hierarchiestufen getroffen werden, von strategischen Vorgaben durch Top-Management bis hin zu den Detailentscheidungen dann im Projekt etwa durch Fachabteilungsvertreter, IT Consultants oder Softwareentwickler. Es muss das Ziel sein, allen Beteiligten durch ein One-voice-Management-Commitment den gleichen Mindset zur Standardisierung mitzugeben und im Konfliktfall auch persönliche oder Fachabteilungsinteressen gegenüber einer End-to-end-Prozessbetrachtung hintenanzustellen."

Das Analystenhaus West Trax ist seit der Gründung im Jahr 2003 spezialisiert auf die objektive Nutzungsanalyse von SAP-Systemen. Dafür kommen neben einem Reifegradmodell für SAP-Systeme und einem zertifizierten Kennzahlenmodell auch zahlreiche eigene Tools und Methoden zum Einsatz.

Quelle: Handelsblatt
http://unternehmen.handelsblatt.com/sap-eigenentwicklungen-erfahrungen.html

Zurück